Pockvirus-Ziegelgrat
Viruses

Pockvirus-Ziegelgrat

Du stehst auf der verwitterten Oberfläche eines Vaccinia-Pockenvirus wie auf einem schier endlosen Plateau aus biologischer Materie, das sich 360 Nanometer von Rand zu Rand erstreckt – ein Ausmaß, das sich von hier unten, in Kniehöhe, kaum fassen lässt. Unter deinen Füßen wellt sich die äußere Membran, ein Lipid-Protein-Verbund, dessen seichte Falten ein diffuses, bläuliches elektrostatisches Leuchten einfangen, als hätte sich Eis in Nanometer-tiefe Rinnen gelegt. Vor dir und hinter dir verlaufen die Oberflächentubuli als parallele Wälle aus verdichtetem Protein – oxidiertes Zinn, olivfarben getönt, hüfthoch aufragende Rücken, die anschwellen, sich verzweigen und abrupt enden, unregelmäßig wie Gebirgsrücken nach einem Erdbeben, ohne jede ikosaedrische Symmetrie, roh und ur-zeitlich in ihrer Asymmetrie. Zu beiden Seiten senkt sich das Terrain in die lateralen Körperregionen ab, jene amorphen Proteinlappen, die sich wie begrabene Findlinge gegen die Membran drücken und breite, blaugraue Volumenschatten werfen. Das Licht kommt aus keiner Richtung und aus allen zugleich: die diffuse thermische Strahlung eines Milieus bei 37 Grad Celsius, durchzogen vom kühleren elektrochemischen Glimmen der Membran darüber, die wie ein feuchtes Rauchglasdach über dieser primordial-fremden Proteinlandschaft hängt und sachte im Strom des umgebenden wässrigen Mediums erzittert.

Other languages