Meeresschnee im Abgrund
Nematodes

Meeresschnee im Abgrund

Die Welt, die sich hier auffaltet, besitzt keine Grenze, keinen Horizont, keine erkennbare Tiefe — nur eine schier endlose Fläche aus bleichem, knochenweißem Tiefseeton, dessen Textur so gleichförmig und dicht ist, dass die Oberfläche unter dem Körpergewicht eines Fadenwurms kaum nachgibt, als wäre der Meeresgrund aus erstarrtem Atem geformt. Foraminiferen-Gehäuse — geometrisch filigrane Kalzitkammern, jede in Relation zu den hier lebenden Nematoden so groß wie ein verlassener Dom — ragen vereinzelt aus dieser mattergrauen Ebene, ihre Poren von anoxischem Bodenwasser durchdrungen, während Kieselsäure-Spicula von Schwämmen wie gestürzte Sendemasten quer über den Sedimentgrund liegen und das diffuse Umgebungslicht in zarte prismatische Reflexe brechen. Von irgendwo weit oberhalb — in einer Wassersäule, die sich über zwei Kilometer bis zur lichtdurchfluteten Oberfläche erstreckt — sinken marine Schneeflocken mit der Langsamkeit von Objekten, die durch ein Medium fallen, das kaum weniger dicht ist als sie selbst: jede Aggregation ein loses Gefüge aus leeren Diatomeen-Frustreln, verdichteten Kotpillen, Schleimstofffäden und mineralischem Staub, braun-amber leuchtend gegen das kalte Blauschwarz des Freiwassers. Dazwischen bewegen sich die Nematoden in sinusförmigen Wellenbewegungen, deren einzelne Körperwellen so langsam ablaufen, dass ihre Fortbewegung erst nach Sekunden erkennbar wird — ihre überproportional großen Amphid-Organe vorwärts gerichtet, chemische Signale aus den niedersinkenden Aggregaten abtastend, während der Tiefseeschlick hinter ihnen die kaum einen Körperdurchmesser tiefen Spurrinnen sofort wieder mit nasser Talkum-Feinheit auffüllt.

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