Dichter Bernstein Blütennebel
Diatoms

Dichter Bernstein Blütennebel

Der Blick löst sich in alle Richtungen gleichzeitig auf: Zylinder aus Kieselglas, fünf bis acht Mikrometer breit, reihen sich zu gewundenen Ketten, die sich verflechten, gabeln und in einen gleichmäßig leuchtenden Bernsteinnebel auflösen, ohne dass irgendwo ein freier Hintergrund sichtbar wäre. Jede Verbindungsstelle zwischen zwei Zellen ist ein aufgefächertes Bündel haarfeiner Fultoportula-Streben aus Siliziumdioxid, die wie die Rippen einer zersprengten Laterne in den Zwischenraum greifen und mit den Streben der Nachbarkette ineinandergreifen – ein dreidimensionales Gerüst aus Glas, das sich ohne Unterbrechung in jeden Raumwinkel erstreckt. Das Licht hat keine Quelle mehr: Sonnenstrahlen, die von oben als kühles Blauweiß einfielen, wurden von Millionen fucoxanthinhaltiger Chloroplasten in jedem dieser gläsernen Trommeln absorbiert, gestreut und neu abgestrahlt, bis das Medium selbst leuchtet – ein warmes, schattenfreies Bernsteingrün, das aus dem Wasser selbst hervorquillt. Fast jede Zylinderoberfläche trägt einen dichten Besatz aus Bakterien, deren dunkle Zellkörper die optisch glatte Frustule zur matten, lichtschluckenden Pelzmasse verwandeln, während das Wasser dazwischen kein Wasser mehr ist, sondern eine kolloidale Suppe aus Polysaccharidsträngen, gelösten Pigmenten und viralen Partikeln, zähflüssig und von biologischer Dichte gesättigt. Es gibt keine Leerstelle: Jede Sichtlinie endet im nächsten Kettenglied, im nächsten Fächer aus Streben, in der nächsten Ansammlung bernsteingelber Trommeln – ein Labyrinth aus Gold und Glas und organischem Dunkel, das sich nach allen Seiten hin in sich selbst verschließt.

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