Phagen-DNA-Auswurfkanal
Viruses

Phagen-DNA-Auswurfkanal

Du befindest dich im Inneren eines der engsten Kanäle der belebten Welt: dem Schwanzkanal des Bakteriophagen Lambda, einem kristallinen Proteintunnel von kaum zwei Nanometern Durchmesser, dessen gerippte Innenwände aus gestapelten Basalplattenringen dicht an dir vorbeipreschen, ihre geladenen Aminosäurereste – Arginin, Lysin – in einem kalten Violettleuchten phosphoreszierend wie Biolumineszenz auf nassen Höhlenwänden. Durch diesen Korridor schießt die Doppelhelix der viralen DNA mit der Wucht von sechs Atmosphären Überdruck aus dem Phagenköpfchen herab: ein silbern glitzerndes Seil aus molekularem Glas, dessen Phosphatrückgrat im elektrostatischen Schimmer der Debye-Schicht flackert, der Spalt zwischen Strang und Wand auf einzelne Nanometer komprimiert, die eingeschlossene Flüssigkeit zu einer zitternden, irisierenden Grenzschicht geronnen. Vor dir reißt die Austrittspore die innere Membran der Bakterienzelle auf – ein zerissenes Diaphragma aus elektrischem Blau-Weiß, die Lipidmoleküle nach außen gedrängt, ihre hydrophoben Schwänze für einen Augenblick als goldener Saum sichtbar –, dahinter das dichte, thermisch chaotische Cytoplasma des Wirtes, erfüllt von einer Milliarde molekularer Kollisionen pro Sekunde. Dies ist der Augenblick der Schwelle: das Genom passiert sie in Sekunden, und kein Schritt davon ist umkehrbar.

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