Flug durch die DNA-Hauptfurche
Macromolecules

Flug durch die DNA-Hauptfurche

Der Blick nach vorne offenbart einen spiralförmigen Korridor von kaum zwei Nanometern Breite – den großen Furche der B-Form-DNA –, dessen Boden aus gestapelten aromatischen Basenpaaren besteht: warme Bernsteintöne des Adenins wechseln mit salbeigrünem Thymin, tiefem Blaugrün des Guanins und himmelblauem Cytosin, jede Plattform vom nächsten nur 0,34 Nanometer entfernt, ihre überlappenden π-Elektronen-Wolken schimmern als violett-indigofarbene Interferenz zwischen den Ringen. Die Wände des Canyons bestehen aus den orange-bräunlichen Phosphat-Zucker-Rückgraten, die sich in einem rhythmischen Helix-Geflecht nach oben winden und an deren Außenseite Magnesium- und Natriumionen als hart funkelnde weiß-blaue Lichtsplitter beziehungsweise sanfte Goldschleier in der elektrostatischen Debye-Abschirmschicht schweben. Diese Grenzzone zwischen geordneter Molekülstruktur und flüssigem Medium ist kein eindeutiger Übergang, sondern eine milchig leuchtende Sphäre aus polarisierten Wasserdipolen, deren kollektive Neuausrichtung langsame, auroraartige Wellenfronten aus blau-weißem Licht durch die Furche treibt. Wärmebewegung ist allgegenwärtig: winzige Wassermoleküle – 0,28 Nanometer im Durchmesser – schlagen in rasender Folge gegen den Basenpaarboden und die Rückgratwände, jeder Aufprall ein kurzlebiges Lichtflackern, das sofort von dem aquatischen Glühen verschluckt wird, das den gesamten Korridor durchdringt. Die Oberflächen selbst sind keine harten Grenzen, sondern probabilistische Elektronendichtewolken, die sich nach außen in ein elektrostatisches Fell auflösen – man würde den Druck spüren, lange bevor irgendetwas berührt wird.

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