Blütengrenze vom Deck
Phytoplankton & coccolithophores

Blütengrenze vom Deck

Von der Bugspitze des Forschungsschiffs aus öffnet sich ein Anblick, der kaum glaublicher wirken könnte: unmittelbar unter dem Geländer verläuft eine fast chirurgisch scharfe Grenzlinie, auf deren einer Seite tiefes Indigo-Kobalt in scheinbar bodenlose Transparenz taucht, während auf der anderen Seite ein opakes, kalkig-türkisfarbenes Wasser leuchtet, als wäre gemahlener Kalkstein in Gletscherschmelze aufgelöst worden. Diese seltsame innere Lumineszenz entsteht, weil Milliarden von Coccolithophorenzellen – winzige, 5 bis 10 Mikrometer große Algen der Art *Emiliania huxleyi* – ihren Körper mit geometrisch präzisen Kalzitplatten gepanzert haben, deren 2 bis 4 Mikrometer breite Kristallscheiben das Sonnenlicht isotrop in alle Richtungen zurückwerfen wie mikroskopische Prismen. Die Langmuir-Zirkulation hat den Oberflächenschaum in parallele weiße Windstreifen geordnet, die genau entlang der Scherzone der beiden Wassermassen verlaufen, während ein Basstölpel sich mit geschlossenen Schwingen in die produktive Grenzlinie bohrt und beim Eintauchen einen Schwall milchweißen Wassers aufwirft, der im tief stehenden Nachmittagssonnenlicht für einen Herzschlag lang aufblüht. Ein kaum wahrnehmbarer Schwefelgeruch – Dimethylsulfid, freigesetzt von gestressten Zellen – liegt in der Luft, das Zeichen jenes biogeochemischen Prozesses, durch den diese Blüte nicht nur das Licht, sondern letztlich auch das Klima berührt.

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