Bernstein-Dämmerung im Bromelien-Tank
Rotifers

Bernstein-Dämmerung im Bromelien-Tank

Im Inneren des Bromelien-Zisternen-Wassers schwebt man in einem goldbraunen Lichtbad aus Tanninen und Huminsäuren, die jeden Lichtstrahl in warmes Bernsteinlicht tauchen, während die gewölbte Blattwand aus wachsüberzogenem Jadegrün und Dunkelkarmesin das gesamte linke Sichtfeld wie ein Kathedralenpfeiler ausfüllt, ihre Kutikula in ein Mosaik konvexer Zellkuppeln aufgelöst, zwischen denen sich rostfarbene Bakterienbiofilme in Mikrosenken sammeln. Eine gepanzerte Lecane kriecht mit der ruhigen Autorität einer Kreatur, für die Viskosität Architektur bedeutet, über diese Zellkuppeloberfläche und presst ihr gläsernes ovales Lorica flach gegen die Wachsschicht, während ihre Mastax im Inneren wie ein amber-farbener Prismenmechanismus pulsiert und ihre Haftporen jeden Zelldom mit absoluter Präzision siegeln. In der Mitte des Wasserkörpers treibt eine Philodina-Bdelloide auf dem Sog ihrer eigenen ausgestreckten Trochusscheiben vorwärts, deren metachrone Zilienschläge – mit einer Frequenz von 15 bis 25 Hertz – die optische Illusion zweier gegenläufig rotierender Lichthalos erzeugen, während durch die transparente Körperwand hindurch Flammenzellen in unregelmäßigen Rhythmen aufblitzen wie kalte weiße Funken. Rechts im Mittelgrund ist eine Cephalodella in stiller Lauerhaltung erstarrt, ihr forcipates Trophi bereits halb ausgefahren wie geometrische Bernsteinhaken, auf ein kleineres Rotiferindividuum ausgerichtet, das kaum noch als Silhouette im Tanninschleier erkennbar ist – und über allem fällt ein Blattfragment, dicht besiedelt von Bakterien und Pilzhyphen, mit der scheinbaren Gravitation eines stürzenden Gebäudes durch den Bildraum, während eine einzige Borste einer Mückenlarve als monumentales dunkles Architekturkabel von der oberen Bildkante in die bernsteinfarbene Welt hineinragt.

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