Massenwanderung im Morgengrauen
Micro-crustaceans

Massenwanderung im Morgengrauen

Der Blick führt senkrecht nach oben durch achtzig Meter Atlantik, und die Dunkelheit selbst scheint zu leben: Hunderte von *Calanus*-Ruderfußkrebsen steigen in pulsierenden Strömen empor, jeder Körper kaum zwei bis drei Millimeter lang und nahezu unsichtbar, wäre da nicht der bernsteinfarbene Lipidtropfen im Prosom, der wie eine winzige Kohleglut durch das Blauschwarz brennt. Die nächsten Individuen hängen in kristalliner Schärfe — die gefächerten Antennen wie Federparachute ausgebreitet, das einzelne Naupliusauge ein roter Funken, die Schwimmbeine in einem eingefrorenen Schlagrhythmus — während dahinter Hunderte weitere amber-leuchtender Formen zu einem weichen Schwarm verschwimmen, einer senkrecht gestellten Galaxie in geordneter Wallfahrt. Ihr Ziel ist das Snell'sche Fenster direkt über ihnen: eine präzise geschnittene Kreisscheibe aus komprimiertem Tageslicht, noch silberblass, aber am Rand bereits golden werdend mit der herannahenden Sonne. Zwischen den aufsteigenden Tieren treibt mariner Schnee in der Gegenrichtung herab — blassgraue Schleier aus Schleim, Diatomeenfrustreln und Kotballen, die wie Asche zwischen Glühwürmchen fallen — und zwei der nächsten Copepoden haben ihre Aufwärtswanderung kurz unterbrochen, die Antennen auf eine vorbeitreibende Flocke gerichtet, ihre Fresswerkzeuge erzeugen unsichtbare Mikrowirbel, während hinter ihnen die gesamte kalte, unter Druck stehende Wassersäule von aufsteigendem Licht bevölkert wird.

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