Bernsteinfarbener Spicula-Wald
Choanoflagellates & sponges

Bernsteinfarbener Spicula-Wald

Im Inneren eines lebenden Demoschwamms treibst du durch ein Universum aus Bernstein und Glas: Oxea-Megaskleren aus biogenem Siliziumdioxid erheben sich wie die Rippen einer gefrorenen Kathedrale um dich herum, je zwei Millimeter lang und an beiden Enden zu haarscharfen Spitzen ausgezogen, ihre halb durchsichtigen Schäfte von einem inneren Leuchten durchdrungen, als würde Mittagslicht durch flüssigen Bernstein gefiltert. Das kolloidale Mesohyl füllt den Raum zwischen ihnen als eine lebendige, honigwarme Gelmatrix, in der Sigma-Mikroskleren und spiralförmige Chelae langsam im Brown'schen Taumeln rotieren – winzige Glasskulpturen, deren Krümmungen Lichtsilber zurückwerfen. Spongin-Fasern ziehen sich als goldfarbene organische Kabel von Spicula-Basis zu Spicula-Basis und bilden zusammen mit den Nadeln ein einziges tensiles Gerüst, das das gesamte Filtergewebe des Schwamms in Form hält. Wenige Körperlängen entfernt öffnet sich ein dunkler Kanalgang als kupferbraune Röhre aus flachen Pinakozyten – eine Wasserstraße, durch die täglich das Zwanzigtausendfache des Körpervolumens strömt. An einem der Vordergrundspicula krallen sich die breitausladenden Pseudopodien eines einzelnen Archäozyten in die glatte Siliziumoberfläche, sein cytoplasmatischer Leib ein durchscheinender goldener Blasen mit sichtbarem Zellkern – die wandernde, phagozytische Zelle, die das Skelett aufbaut, repariert und zugleich das gesamte architektonische Unternehmen mit langsamer, chemischer Präzision zusammenhält.

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